Akademie Musiktheater heute

Kernstück des Akademieprogramms: Die Workshops

Vier bis sechs Mal pro Jahr besuchen die Stipendiaten gemeinsam herausragende und innovative Inszenierungen – an Opernhäusern im deutschsprachigen Raum und auch darüber hinaus. Diese Workshops bieten den jungen Künstlern die Gelegenheit zu Hintergrundgesprächen und Diskussionen mit renommierten Persönlichkeiten aller Sparten des Musiktheaters. Die Stipendiaten der Akademie erhalten so Einblicke in die künstlerische Arbeitsweise und das Management der Häuser. Ferner werden die Hintergründe der besuchten Inszenierungen erläutert.

Der letzte Workshop fand vom 4. bis 6. November 2016 in Düsseldorf und Köln statt.
Martin Mutschler, Stipendiat 2016-2018 der Sparte Regie, schildert seine Eindrücke.

Düsseldorf und (noch) kein Manifest

Im November kamen die beiden aktuellen Stipendiatenjahrgänge zu ihrem ersten gemeinsamen Treffen in Düsseldorf zusammen; für den neuen Jahrgang war es der erste Workshop überhaupt, und voller Neugier, wenn auch von einer eigenen Regiearbeit erschöpft, kam ich an, um mit Gleich- und womöglich ganz anders Gesinnten ins Gespräch zu kommen.

Die Deutsche Oper am Rhein und ihre sehr städtische, sehr bundesrepublikanische Düsseldorfer Dependance waren zwei Tage lang unser Zuhause. Während sich vor dem Fenster im Park Scharen von Papageien auf den herbstlich bunten Bäumen versammelten, sprachen wir mit verschiedenen Verantwortlichen des Hauses über ihre Arbeit. Operndirektor Stephen Harrison und Generalmusikdirektor Axel Kober erzählten mit Lust von ihrer langjährigen Erfahrung. Für den zweiten Jahrgang schienen nach einem Jahr voller Performances und Festivals gerade die Gewohnheiten dieses sehr städtischen, sehr klassischen Hauses reizvoller Anlass zum Gespräch. Die Einblicke, die uns die Geschäftsführende Direktorin Alexandra Stampler-Brown in die ständige Optimierung von Marketingstrategien und deren Auswertung gab, zeigten auf, wie im internationalen Kontext Methoden längst erarbeitet worden sind, die im trägen deutschen Theaterbetrieb mitunter noch in den Bereich der Spekulation gehören: Wo sind die besten Plätze? Wissen die Zuschauer davon, wenn sie Karten buchen? Können diese Plätze noch teurer verkauft werden? Und was ist mit neuen Abonnenten?

Künstlerischer gestaltete sich das Gespräch mit dem griechischen Gewinnerteam des Europäischen Opernregie-Preises 2015, die Udo Zimmermanns „Weiße Rose“ in Köln zur Aufführung brachten. Um die Schwierigkeiten für die Sänger, die hohen Partien zu bewältigen, um die Universalität der Geschichte von Sophie und Hans Scholls letzten Lebensstunden vor der Ermordung durch die Nazis und um den womöglich didaktischen Charakter von Zimmermanns Werk drehten sich die Meinungen; die Regisseurin Niki Ellinidou und die Ausstatterin Nefeli Myrtidi lehnten dabei eine aufklärerische Position ab und betonten die Allgemeingültigkeit des Werkes.

Die Inszenierung selbst wiederum rief ganz unterschiedliche Reaktionen hervor: Während einige sehr angetan waren von der Intimität und Direktheit der Tonsprache wie dem sehr auf Grundelemente wie Wasser, Sand oder Licht bauenden Bühnenbild, blieb diese (vermeintliche?) Reduktion für andere gerade langweilig. Hätte eine noch größere Beschränkung auf eines der Mittel womöglich eine noch stringentere Bildsprache erlaubt? Uneins waren wir uns gerade auch beim Begriff Symbol und der Symbolträchtigkeit eines Elements wie Wasser. Mit Björk könnte man sagen: „I have seen water, it’s water, that’s all.“ Dem Regieteam war es daran gelegen, Objekte wie besagte Elemente oder auch Kleidungsstücke in ihrer Objekthaftigkeit direkt zu bespielen, ihnen aber auch die Möglichkeit zu geben, darüber hinaus auf etwas zu verweisen. Wie schwer es ist, eine Trennschärfe zwischen beidem zu wahren oder überhaupt erst aufzuzeigen, wurde gerade auch durch die Reaktionen im Plenum deutlich.

Kleinteiliger waren die Gespräche bei Stilfragen, die nach der Düsseldorfer „Othello“-Inszenierung von Michael Thalheimer aufkamen: Spielen die Düsseldorfer Symphoniker ihren Verdi zu deutsch? Darf ein Sänger beim Singen einen starken Akzent haben? Ab wie viel Glas Schampus singt man italienisch? (zu überprüfende These: zwei.) Zentrum dieser Diskussionen, für dessen ausführliche Behandlung und evtl. Differenzierung leider die Zeit bei diesem Mal gefehlt hat, war dabei der Knackpunkt, wie objektiv ein Gespräch geführt sein kann, ja wie sehr sich ein Gesprächsleiter bei dem Versuch, Fakten (und Mutmaßungen und Eindrücke) zusammenzutragen, mit seiner eigenen Meinung überhaupt zurückhalten kann.

Wo nicht nur unterschiedliche Geschmäcker, sondern auch unterschiedliche Argumentationsweisen aufeinanderprallen, so meine Erfahrung, wird die Streitlust eher noch angefacht als besänftigt – in diesem Sinne sind für kommende Treffen einige Feuer entzündet worden. Daß dabei auch über Rhetorik gestritten werden darf, empfinde ich als willkommenes Plus. Nicht zu kurz kommen sollten aber die eigentlichen Grabenkämpfe: Wie stellen wir uns ein Musiktheater heute oder morgen vor? Welche Rolle spielen wir dabei? Um die Kurve zum Manifest zumindest anzureißen: für mehr Streit! für mehr Unvereinbarkeit! für weniger Blackfacing in der Oper! und für mehr Papageien in deutschen Stadtparks. Discuss!


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Letzte Änderung: 30. November 2016
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